Yin-Yang Meditation

Manche sagen, Meditation sei Fokus und Konzentration, andere sind der Meinung, Meditation sei eher Präsenz und Achtsamkeit. Beide haben Recht. Und wie so oft kommt es wohl auf das rechte Maß an.

Ich erinnere mich an viele Vipassana Retreats bei meiner Lehrerin Renate Seifarth, in denen sie uns in den ersten Tagen immer wieder auf Fokus und Konzentration einschwor, um dann in der zweiten Hälfte des Retreats, den Fokus wieder zu weiten und uns mehr und mehr ins offene Gewahrsein einzuladen.

Offenes Gewahrsein – ich liebe diesen Ausdruck. Alles darf sein. Wir sind offen für alles, was kommt. Und wir sind gewahr, wir nehmen wahr, wir bleiben präsent mit dem, was ist. Wir bleiben bei uns. Das ist für mich der Zustand absoluten Vertrauens. Keine Angst, denn egal, was kommt, ich kann damit sein, ich darf damit sein. Offen und präsent, ohne mich zu verlieren.

Dennoch: Wenn wir allem erlauben zu kommen, dann kommen natürlich auch die „bösen Dämonen“ und die „großen Verführer:innen“. So wie sie zu Buddha kamen, in der Nacht vor seiner Erleuchtung, als der Dämon Mara in vielerlei Form versuchte, ihn kurz vor der „Zielgerade“ vom Weg abzubringen.

Deshalb brauchen wir die Konzentration, die Geistesschulung, den Fokus. Sie unterstützen uns auch im offenen Gewahrsein dabei präsent zu bleiben mit dem, was ist und nicht einzusteigen in die Gedanken und Geschichten und mit ihnen davonzusegeln oder darin unterzugehen.

Gopi Krishna, der für die Schilderung seiner Kundalini-Erweckung bekannt geworden ist, betont den Konzentrationsaspekt der meditativen Praxis ganz besonders. Konzentration und Willenskraft sollen aus seiner Sicht primär in der Meditation geschult werden.

Konzentration als maskuline und Gewahrsein als feminine Praxis

Manche sagen auch, die Konzentrationspraxis sei eine eher maskuline und die Gewahrseinspraxis eine eher feminine Praxis – oder eben das eine sei Yang und das andere Yin.

Ich sehe die positiven Qualitäten beider Techniken und nutze sie nach Bedarf. Für mich gibt es zwar nichts Schöneres als im offenen Gewahrsein zu schweben, aber es gibt Tage und Zeiten, da funktioniert das einfach nicht. Schon der Versuch führt lediglich dazu, dass mein Meditationstimer runterläuft, während ich von einem Tagtraum zum anderen fliege, ohne hinterher auch nur irgendwas davon wiedergeben zu können, weil ich total darin absorbiert war. Also heißt es „Konzentration und Willenskraft“ mit dem klaren Fokus auf einem Meditationsobjekt zu praktizieren, sei es der Atem, das Hören, eine Kerze oder eine Körperempfindung.

Um beide Meditationsqualitäten zu üben, findet ihr weiter unten eine angeleitete Yin-Yang-Meditationspraxis, bei der sich die beiden Meditationsarten gegenseitig unterstützen und vertiefen. Um den Wechsel zwischen den beiden Formen zu verdeutlichen, ändern wir auch jeweils die Meditationshaltung. Yang-Meditation mit dem Fokus auf Konzentration praktizieren wir im Sitzen, Yin-Meditation mit offenem Gewahrsein im Liegen.

Probiert es aus, ihr werdet merken, dass jede Phase die nächste vertieft und intensiviert.

Diese Praxis zu üben lohnt sich, denn sie hilft dabei, zukünftig auch bei deiner eigenen Praxis stets den Aspekt zu wählen, den du gerade brauchst und der dir nützlich ist.

Viel Freude dabei!

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